Indianermärchen

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Charrúa-Indianer (Herkunft: heutiges Uruguay)

Die ersten Menschen und Sonne und Mond

Am Anfang gab es nur einen Mann und eine Frau. Die Frau aber war schwanger mit einem Zwillingspärchen. Eines Tages wollte der Mann auf die Jagd gehen, und er befahl seiner Frau, ihm zu folgen. Der Mann aber ging ziemlich schnell, und die Frau konnte ihm nicht so rasch folgen. So verlor sie seine Spur.

Was machte sie, als sie den Weg nicht mehr wußte? Sie fragte ihre Kinder, denn die Kinder wußten, wohin der Vater gegangen war. Nach einiger Zeit aber war die Frau hungrig, und sie setzte sich hin, um Mais zu essen. Da sagten die Kinder in ihrem Leib: »Gib uns auch zu essen!« Aber die Mutter antwortete: »Nein, ihr seid noch zu klein.« — »Dann sagen wir dir auch nicht mehr, wohin der Vater gegangen ist.«

Da schlug sich die Frau auf den Bauch, um die Kinder zu züchtigen, und die Kinder schwiegen. So verirrte sich die Frau und kam zu der Hütte eines Jaguars. Der Jaguar aber war gerade auf die Jagd gegangen. Die Frau ging in die Hütte hinein, fand dort einen Fleischvorrat, nahm sich davon, machte ein Feuer und briet das Fleisch. Als sie es gegessen hatte, kam der Jaguar nach Hause. »Hier ist ja besseres Fleisch, als ich mir mitgebracht habe!« sagte er.

Dann fiel er über die Frau her, um sie aufzufressen. Da kam das Zwillingspaar aus dem Bauch heraus und lief davon. Der Jaguar lief hinter ihnen her, aber da der Bruder in eine andere Richtung lief als die Schwester, rannte er einmal hierhin und einmal dorthin und erwischte so keins von den Kindern. Endlich sagte er: »Zuerst den Burschen und dann seine Schwester!« Und er rannte hinter dem Burschen her. Als er ihn fast erreicht hatte, machte der einen großen Sprung zum Himmel hinauf und verwandelte sich in die Sonne.

Da wandte sich der Jaguar um, weil er nun das Mädchen fressen wollte. Er rannte so schnell, daß er es fast eingeholt hätte. Aber im gleichen Augenblick, als er schon seine Krallen in ihr Fleisch schlug, reichte ihr der Bruder vom Himmel die Hand herunter und zog sie hinauf. Und da wurde aus dem Mädchen der Mond. Die Spuren der Krallen aber kann man heute noch sehen.

In der Zwischenzeit hatte der Mann ein Tier erlegt und wunderte sich, daß seine Frau nicht nachkam. Er ging zurück und fand sie tot mit zerrissenem Bauch. Da nahm er Bast und flickte den Bauch der Frau wieder zusammen, so gut er konnte. Aber der Bast reichte nicht ganz, und so blieb unten die Wunde offen.

Dann machte er die Frau wieder lebendig und sagte zu ihr: »Bleib immer in meiner Nähe, damit dir nichts zustößt. Ein zweites Mal könnte ich dich nicht wieder heilen und auch nicht wieder lebendig machen.«

So blieben sie nun immer zusammen, und die Frau gebar viele Kinder, unsere Ahnen.

Viele glauben, die Mutter sei rot gewesen wie die Sonne und der Vater weiß wie der Mond.

aus: Felix Karlinger u. Elisabeth Zacherl (Hrsg.), Südamerikanische Indianermärchen, E.Diedrichs Verlag, München 1992, S.253f